Sonntag, 25. März 2012

Ein Physiotherapeut kann Wunder bewirken



Meine ersten Erfahrungen mit einem Physiotherapeuten


Ein Hirnschlag warf mich total aus der Bahn. Von einem
Augenblick zum anderen. Ein Krankenwagen rauschte mit
Blaulicht eines Nachts an meinem Haus vorbei und ich dachte,
fahrt bloß woanders hin. Die Digitaluhr zeigte 23.30 Uhr,
im Fernsehen lief eine Dokumentation über Che Guevara.
Mein Magen knurrte ein wenig und ich ging hinunter in die
Küche, um direkt aus dem Topf auf dem Herd Suppe zu löffeln.
Eine kleine Drehung wie von einem Chiroprakiker am Hals
ausgeführt und ein stechender Schmerz zog vom Hals bis zum
Kopf hoch. Ich rieb eine chinesische Salbe ein, die nichts half.
Kurz danach merkte ich, dass ich nicht mehr klar denken konnte.
"Ruhig bleiben", sagte ich mir. Die Sätze wurden wieder normaler,
die ich vor mich hinsprach. Mein Mund war trocken. Das obligatorische
Wasserglas stand auf meinem Nachttisch. Ich nahm einen Schluck,
doch konnte nicht schlucken. Der Kreislauf sackte zusammen. Mit
belegter Stimme sagte ich dem Notdienst der Feuerwehr, dass ich
kurz vor der Ohnmacht sei. Langsam stieg ich die Treppe nach unten,
holte meine Krankenkassenkarte und riss die Haustüre auf. Meine
Beine fingen an zu zittern, Schwälle von Hitze durchzogen meine
Schultern, obwohl es kalt war. Ich betete zu Gott, dass der
Krankenwagen endlich käme, bevor ich auf den Boden knallte. Ich hatte
Glück. Die Mitarbeiter des DRK drängten mich ins Haus auf einen
Stuhl. Blut floss. Im Krankenwagen, der mit Blaulicht in die nächste
Stadt fuhr, hatte ich extremen Drehschwindel. Alle Bilder vor mir
scrollten in Höchstgeschwindigkeit vor mir ab. Es war grauenhaft.
Panik überkam mich im Krankenbett, als mein linkes Bein zusammensackte.
Ich wolle nicht halbseitig gelähmt sein. Ich hyperventilierte, der
Oberarzt drückte mich mit seinem Gewicht zur Beruhigung nach unten.
"Verdacht auf  Hirnschlag oder Schlaganfall", hörte ich. "Nehmen Sie die goldenen Ohrringe
ab. Wir machen ein CT", vernahm ich. Auf meinem Bauch lagen die Ohrringe.
Eine Krankenschwester zog mich aus und wusch mich. Den Katheter lehnte
ich zunächst ab. Der Druck auf die Blase wurde stärker. "Sie will
doch einen Katheter", sagte die Krankenschwester zum Oberarzt. Der nickte.
Da ich rechtzeitig eingeliefert worden war, konnten die Ärzte eine Lyse
vornehmen. Das heißt, die Durchblutungsstörungen im Gehirn - ich hatte
zwei Einblutungen - wurden behoben. Das geht nur innerhalb der ersten
drei Stunden nach einem Hirnschlag oder Schlaganfall. In der Logotherapie bekam ich
durch die Schluckstörung und das "Essen" von Apfelmus auch noch eine
schwere Lungenentzündung. Ich wachte auf mit einer Kanüle im Hals und
bekam noch eine Magensonde (PEG). In den dreieinhalb Wochen Krankenhaus
wurde ich immer schwächer. Meine Beine sahen aus wie Haut und Knochen,
vor allem die Waden. Als die Lungenentzündung durch Antibiotika geheilt
war, durfte ich in die Reha. Im Krankenhaus war ich einmal ganz stolz und
vor allem viel zu schnell mit einem Rollator im Krankenhaushemdchen über
die Flure geflitzt und meinte, ich könne laufen. In der Reha sah das anders
aus. Da ich einen extremen Rechtsdrall und Gleichgewichtsstörungen hatte,
übte der Physiotherapeut Marvin Werner zunächst einmal nur das Stehen. Das machte mich
irre. Und wütend. Ich hatte das Gefühl, niemals laufen zu lernen. Zudem
fühlte ich mich wie auf einem schwankenden Schiff. Das Doppeltsehen war
noch da, der Kreislauf nicht in Schwung, der Blutdruck extrem niedrig und
der Physiotherapeut bewegte sich ebenfalls im Rhythmus von rechts nach links.
Immerhin sagte er mir, dass wir mehr machen könnten, wenn ich aus der
Isolation - ich wurde eine Woche lang auf Krankenhauskeime untersucht -
hinausdürfte. Da gäbe es Barren und andere Geräte zum Üben. Endlich war es
soweit. Ich durfte zunächst im Rollstuhl nach draußen zur Therapie, dann
am Arm des Therapeuten. Er brachte mir zunächst auch bei, mich ganz langsam
in den Rollstuhl zu sezten und nicht hineinplumpsen zu lassen. Der Barren
erschien mir am Anfang sehr schmal. Ich knallte von rechts nach links auf
die Holmen, was weh tat. Kurze Zeit später durfte ich zwischen Massagebänken
laufen, was ohne Aufprall klappte. Durch die langamen Übungen mit dem
Gleichgewicht war relativ schnell der Rechsdrall weg. Nur beim Gehen war ich
immer noch zu schnell. Und ich lief wie ein Roboter. Das wollte ich zwar
ungern wahrhaben, aber der Physiotherapeut hatte Recht. Um mehr Sicherheit
zu haben, machte ich den Oberkörper, die Arme und das Becken steif. Unter
seiner Anleitung versuche ich, locker zu pendeln, langsamer zu gehen, ohne
umzufallen und im Becken beweglicher zu sein. Die ersten Treppen stieg ich
hinauf wie ein kleines Kind, das hinaufstampft. "Versuchen Sie doch mal,
sich vorzustellen, eine Treppe wie ein Filmstar hinunterzuschweben", meinte
Marvin Werner. Okay, dachte ich, ich war also gelaufen wie ein Bauerntrampel. Interessant
waren die Übungen auf unebenem "Gelände" wie Gummimatten. Ich ging dort
in Strümpfen drauf und als ich die Schuhe anzog, war ich wie fest auf dem
Boden montiert. Eine andere Physiotherapeutin aus Berlin gab mir den Tipp, ab und zu
die Zehen anzuheben, um sicherer zu laufen. Der Trick funktioniert. Bei meinem
Physiotherapeuten gab es auch Spaß. Ich lief mit Gummiringen auf dem Kopf, wir
spielten Tischtennis und Billiard. Ich trainierte das Abfangen, das Gleichgewicht,
die Reaktionsschnelligkeit und alles spielerisch. Auch das Bücken musste er mir
beibringen. Ich ging nicht mehr in die Knie, um einen Ball aufzuheben, wusste
gar nicht mehr, wie man sich bückt. Heute kann ich sogar wieder rennen und
bin dem Physiotherapeuten für seine Genauigkeit in der Beurteilung sehr dankbar.
Er wollte nicht, dass mir ein Robotergang bleibt. Jetzt schwingen Hüften und
Arme ganz locker wie früher.
Corinna S. Heyn